Rotpunkt klettern für Einsteiger – 9 Tipps zum Projektieren einer Kletteroute

Wie fange ich eigentlich mit dem Projektieren oder Rotpunkt klettern an?

Dieser Artikel ist für dich, wenn du gerne schwerer Klettern möchtest und weißt, dass du dabei mehrfach in eine Route gehen solltest, diese ausbouldern und versuchen durchzusteigen.
Das heißt, wenn du an der Grenze bist zum Rotpunkt klettern. Für viele kommt dieser Punkt spätestens wenn sie etwa 6a+ bis 6b klettern  um dort dann weiterzukommen.
Du bekommst hier praktische Tipps dafür, wie du am besten ans Projektieren herangehst und auf was du achten solltest.

 

1) Tour auswählen – Fordernd & motivierend

Such dir eine Route, die dir gefällt, dich anspricht und dich motiviert!
Wenn du damit starten willst Touren rotpunkt zu klettern und entsprechend mehrer Versuche in der Tour verbringst, ist zunächst mal wichtig die richtige Tour zu finden.
Niveau: Die Tour sollte dich fordern, aber für den Anfang noch recht schnell machbar sein. Das heißt das wird etwa in dem Bereich sein, in dem du aktuell nicht onsight auf den ersten Versuch durchsteigst.
Es geht erstmal darum überhaupt mehrfach in eine Tour einzusteigen, sich einzelne Stellen zu merken und den Biss zu entwickeln die Tour durchzusteigen. Da ist es sinnvoller mit kleineren Projekten zu starten und Erfolgserlebisse zu schaffen, anstatt zu schwer einzusteigen und Frustration zu schüren.
Falls du aktuell die meisten 6a´s direkt durchsteigst, vielleicht auch einige 6a+, aber 6b eher nicht, dann ist 6b oder 6b+ ein gutes Niveau um einzusteigen mit dem Projektieren.
Style: Die Tour sollte dir gefallen. Also sowohl optisch, als auch von den Zügen (nach dem ersten Mal probieren) sollte dich die Route motivieren und Lust auf mehr machen.

 

2) Stürzen gehört zum Projektieren dazu

Da es in schwereren Touren immer Stellen geben wird, die du nicht auf Anhieb kletterst, gehört spätestens ab jetzt Stürzen mit in deinen Kletteralltag.
Also schau, dass du dich bereits vorher mit dem Stürzen und dem Sichern von Stürzen auseinandergesetzt hast oder dich jetzt damit beschäftigst.
Du solltest bereits Sturztrainingerfahrung haben und dein Sicherungspartner sollte das weiche Sichern weitestgehend beherrschen, wenn du mit dem Rotpunkt klettern startest.
Natürlich geht das nur mit entsprechender Erfahrung und die sammelt man nur beim Stürzen & Sichern von Stürzen. Also übt das vorher gemeinsam und wenn sich die Stürze halbwegs angenehm anfühlen, könnt ihr ins Projektieren starten.
Wenn du dann projektierst solltet ihr nach jedem Sturz weiterhin Feedback geben wie der Sturz war. Zu weit, zu eng, zu hart, zu weich… Man lernt nie aus und jedes Gelände erfordert auch anderes Handling.

Trotzdem kann es gut sein, dass sich im Verlauf des ersten Versuchs in der Route eine gewisse Sturzangst breit macht.
Wenn du beim ausbouldern merkst, dass du müde wirst oder du an einer Stelle bist, die dir schwer fällt und wo du nicht weiter weißt und merkst, dass du Stress bekommst wegen der Sturzgefahr, dann setz dich zunächst ins Seil („zu“).
MAche dann aus dem Probieren dieser Stelle einfach ein Sturztraining.
Teile dir das auf, Zug für Zug und leg den Fokus nicht darauf die Stelle zu schaffen, sondern darauf in der Stelle mehrfach zu stürzen.
So bekommst du erstens wieder Routine ins Stürzen und desensibilisierts dich und zweitens weißt du schon, wie sich ein Sturz in der schweren Stelle anfühlt. Das ist von Vorteil, da ja normalerweise auch die schweren Stellen in der Tour die Punkte sind, wo du am wahrscheinlichsten stürzt. Wenn du die Stürze dann alle schonmal erlebt hast und weißt, dass nichts passiert kannst du entsprechend im Durchstiegsversuch mehr comitten, weil du dir über den Sturz keine Gedanken mehr machen musst.
Du hast ihn ja schon mehrfach erfahren.

3) Mindset

Wenn du dir eine Tour ausgesucht hast und diese jetzt projektieren willst, dann ist wichtig mit einem entsprechenden Mindset ranzugehen.
Viele, die das Projektieren nicht gewöhnt sind, versuchen die Route, in die sie einsteigen, immer auf den ersten Anhieb zu klettern, oder aber sie machen zu und schauen dann nur noch, dass sie hochkommen, um die Tour abzubauen.
Fürs Projektieren brauchst du ein anderes Mindset.

Die Grundeinstellung sollte sein: Ich suche mir etwas, von dem ich weiß, dass ich es wahrscheinlich nicht auf den ersten Versuch schaffe…
Mein Ziel ist, diese Tour durchzuklettern, nach einigen Versuchen.
Daraus resultiert eine andere Herangehensweise an den ersten Versuch in der Tour.
Es geht nicht darum die Route durchzusteigen, sondern sie sich anzuschauen und zu entscheiden, ob man diese Route projektieren möchte.

4) Der Erste Versuch in der Route – So einfach hoch wie´s geht

Aus dem anderen Mindset resultiert auch eine andere Herangehensweise an den Ersten Versuch. Es geht jetzt erstmal nur darum die Exen hoch zu kriegen, damit du die Route auschecken kannst.

Du willst dir die Tour anschauen, entscheiden, ob du nochmal in die Route einsteigen möchtest und Lösungen finden für schwere Stellen. Und das Ganze möglichst effizient um für die anschließenden Versuche noch Energie über zu haben.
Das bedeutet, dass du jegliche Tricks nutzen kannst, mit denen du Energie sparst.
Um Beispielsweise eine schwere Stelle vernünftig auszubouldern kannst du auch schauen, ob du dich vorher über die Stelle drüber ziehen kannst.
Um Über die schweren Stellen drüber zu kommen kann man sich so weit es geht hochziehen, die Stelle erstmal überspringen, indem man an den nächsten Henkel greift und die nächste Exe vorclippt… Man kann hilfsweise auf einen Bohrhaken stehen um eine Exe einzuclippen… oder, oder…
Ist dann die nächste Exe vorgeklippt kann man quasi im Toprope, in Ruhe die Stelle auschecken, anstatt jedes Mal wieder ins Seil zu fallen und  sich hochziehen zu müssen.
Du kannst ebenso eine Exe einhängen und diese dann festhalten (anstatt dem Fels) um das Seil in die Exe zu hängen – an manchen Stellen ist das leichter, als aus der Clipposition das Seil einzuhängen. Wenn das Seil dann eingeklippt ist lässt man den Sicherer „zu“ machen und entspannt sich erstmal und schaut nach Griffen & Tritten.

Wichtig! Beim Greifen in die Exe musst du dir sicher sein, nicht abzurutschen. Wenn du das Band der Exe greifst und davon abrutscht können fiese Unfälle passieren. Du hast dabei eine erhöhte Verletzungsgefahr für die Hand.
Ich würde behaupten so ziemlich jeder Kletterer, der projektiert nutzt die Exen um sich hochzuziehen und das Seil einzuclippen. Das ist gängige Handhabung. Aber genau wie das „in den Mund nehmen des Seils“ beim Klippen kann das eben im Unglücksfall zu schweren Verletzungen führen.

 

5) Ausbouldern

Aletta auf der Suche nach Griffen und Tritten beim Ausbouldern

Beim Ausbouldern geht es bei schweren Stellen darum, dass du die für dich einfachste Lösung findest. Da bedeutet, du verschaffst dir an der Stelle erstmal einen Überblick über Tritte und Griffe. Du kannst dir auch Tickmarks machen, wo der Griff am besten ist, oder Tritte markieren (Putz nur bitte nachdem du die Tour geklettert hast oder am Ende des Tages alle Tickmarks wieder mit einer Bürste raus).
Dann überlegst du, welche Bewegungen du mit den Tritten & Griffen machen könntest. Mich welcher Hand musst du an welchen Griffe. Wie muss sich die Hüfte bewegen?
Probier verschiedene Ideen aus und nimm wahr, welche sich leichter oder schwerer anfühlt.
Wenn du meinst, dass du die leichteste Variante gefunden hast, wiederhole diese (kletternd) nochmal, merke dir die Tritte und Griffe und dann schau dir die nächste Stelle an.

 

6) Hilfe deines Sicherungspartners nutzen

Um Energie zu sparen beim ausbouldern und spezifisch die Lösung für die schwere Stelle herausfinden zu können solltet ihr beim Ausbouldern als Team arbeiten:
Das bedeutet, wenn du gefallen bist und ein ganzes Stück unterhalb der Stelle hängst, die du eigentlich probieren willst, dann kletterst du nicht wieder hoch…
Du lässt dir vom Gewicht deines Sicherungspartners helfen.
Dein Partner lässt das Seil „zu“ und du nutzt das Seil, das zu deinem Sicherungspartner geht, um dich selbst am Seil hochzuziehen.
Der Sicherer fungiert als Gegengewicht und muss natürlich, wenn du dich hochziehst entweder rückwärtsgehen, oder Seil einziehen, ohne dich dabei wieder runter zu lassen.
So sparst du dir Energie für die anschließenden Kletterzüge.

 

7) Die Route einteilen

Ich mag Knieklemmer 😉

Zum Ausbouldern der Tour gehört nicht nur, die schweren Stellen zu identifizieren und für diese Lösungen zu finden, sondern auch Rastpositionen ausfindig zu machen.
Hab beim Ausboulden ein Augenmerk darauf, wo gute Körperpositionen sind um vielleicht sogar die Hände loszulassen (ausspreizen, Stüzten, nah an die Wand lehnen, Knieklemmer) bzw. wo gute Griffe sind um nach oder vor einer schweren Stelle die Arme etwas auszuschütteln und „runterzukommen“ – das heißt den Kreislauf wieder zu beruhigen und den Pump etwas loszuwerden.

 

Pausen in Kletterpositionen gehören genauso zum Durchstieg dazu, wie dann in den schweren Stellen Gas zu geben.
Kleiner Tipp: Am Anfang nutzt man die Pausen meist viel zu kurz aus, weil sich die Zeit so lang anfühlt. Wenn du denkst, jetzt klettere ich mal weiter – nimm noch 3 Atemzüge und klettere dann erst weiter. Außer du merkst, dass die Pause deine Arme eher anstrengt als runterbringt.
Über die Pausen und die Kletterpassagen dazwischen kannst du die Route dann innerlich in Abschnitte einteilen.

 

8) Merken lernen

Eine der größten Herausforderungen beim Projektieren ist es, sich die Passagen, die Bewegungen, Griffe und Tritte zu merken.
Das braucht etwas Übung. Zu Beginn fängst du am besten damit an, dir für 1 oder 2 schwere Stellen in der Route die Lösungen zu merken.
Dazu boulderst du die Stellen aus, wiederholst die Bewegungen und wiederholst sie dann nochmal im Kopf.
Wenn du auf dem Weg runter bist, nachdem du die Route ausgebouldert hast, machst du an diesen Stellen nochmal Halt und wiederholst innerlich nochmal die Lösungen.
Wenn du merkst, dass du etwas vergessen hast, klettere nur die Stelle nochmal und versuche dir die Lösung dann zu merken.
Bevor du das nächste Mal in die Tour einsteigst wiederholst du innerlich genau diese Stellen nochmal.
Mit der Zeit, je öfter du das machst, wirst du immer besser darin werden, dir eigene Lösungen zu merken und auch darin, andere zu beobachten, Unterschiede wahrzunehmen und ihnen sagen zu können wie sie etwas geklettert sind.
Bei wirklich schweren Projekten kenne ich jeden Zug auswendig. Ich kann die gesamte Tour vor meinem inneren Auge abspulen.
Beim Durchstiegsversuch geht es dann „nur noch“ darum das auch körperlich umzusetzen und aneinanderzuhängen 😉

9) Feiern!

Ein ganz wichtiger Punkt, den du nicht vergessen solltest – feier deine Erfolge!
Wenn du deine ersten kleinen Projekte durchgestiegen bist, feier!, freu dich und freu dich mit deinem Sicherungspartner 😉
Wir haben eine schöne Bezeichnung… die „Nicecream“
Das ist die Tradition, dass man jedes Mal, wenn man einen neuen Grad rotpunkt geklettert ist, einen neuen Grad geonsighted oder geflasht hat, seinem Sicherungspartner (und sich selbst) ein Eis ausgibt.
Wahlweise natürlich auch ein Bier oder etwas anderes feines und wahlweise natürlich auch den anderen netten Unterstützern (Freunden), die mit dir am Fels waren. Das liegt in deinem Ermessen.

 

 

So, damit entlasse ich dich ins TUN 🙂
Ich hoffe du kannst die Tipps umsetzen und sie bringen dich weiter!

Lieber mit Trainer an deiner Seite?

Falls du genau an dem Punkt bist mit dem Projektieren zu starten & schwerer klettern zu wollen und du lieber noch spezifisch Tipps haben magst schau dir gerne die Push your Limits Workshops an!
Hier unterstüze ich dich run ums Projekte Klettern. Handling, Stürzen, Sichern, Taktik, Technik & Mentales.
Wenn du wissen willst was beim Klettern noch so in dir steckt 😉

Push your limits Workshop Push your limits Kletterreise

 

In diesem Sinne:

Rock on!

Deine Aletta

Bildcredit:

Andrew Pawlby
Moritz Stange
Thomas Straub

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